PC-Spiele im Test: Tell me why

PC Spiele: Tell me why im Test

Rollenspiele

Zusammenfassung: Mit einer Transgender-Person als spielbarem Protagonisten wagen sich Dontnod Entertainment in Tell Me Why an ein bisher stark unterrepräsentiertes Thema in der Gamingwelt heran. Laut Entwickler ist es sogar das erste Mal der Fall in einem AAA-Game. Die Macher des hochgelobten Life is Strange stehen also vor der Herausforderung, einen glaubhaften Einblick in die Welt eines Transmannes zu schaffen, ohne dabei die eigentliche Geschichte aus den Augen zu verlieren. Ob ihnen dieser Drahtseilakt gelingt, lest ihr im Test.

Inhaltsverzeichnis

Vom Überraschungshit zum … ?

Life is Strange schlug 2015 ein wie eine Bombe. Das Teenager-Drama rund um Max Caulfield und deren beste Freundin Chloe wurde überschüttet mit Preisen. Schon damals thematisierte Dontnod Entertainment einige "Tabuthemen" wie zum Beispiel Suizid bei Minderjährigen. Ein weiteres, bis dato selten dargestelltes Thema war die angedeutete Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen, Max und Chloe. In Life is Strange wird das Thema rund um die LGBTQ-Community (Lesbian, Gay, Bi, Transgender und Queer) jedoch nur sehr dezent gezeigt. In Dontnods neuestem Titel steht die Sexualität und das Geschlecht des Protagonisten eindeutig mehr im Vordergrund. Tell Me Why handelt von dem 21 Jahre alten Zwillingspaar Alyson und Tyler, die sich nach 10 Jahren Trennung in ihrem Heimatdorf in Alaska wieder begegnen. Tyler tötete als Kind in Notwehr seine Mutter, woraufhin er ins Jugendgefängnis musste. Jetzt treffen sich die Geschwister wieder, um das Haus ihrer Kindheit zu verkaufen. Dabei decken sie Geheimnisse aus der Vergangenheit auf.

Alyson und Tyler in Tell me why

Tyler muss gleichzeitig mit den Kommentaren der Dorfbewohner klarkommen, denn er ist ein Transmann. Also ein Mann, geboren in einem weiblichen Körper. Mittlerweile fühlt er sich nicht nur wie ein Mann, sondern hat auch ein männliches Erscheinungsbild. Viele wissen aber nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Alles beim alten, nur anders

Typisch für die Spiele von Dontnod erscheint auch Tell Me Why im Episodenformat. Mit knapp 3 Stunden pro Episode ist das Game relativ schnell durchgespielt. Die ersten zwei Episoden sind schon erschienen, die dritte und damit finale Episode erscheint am 10. September. Damit haben die Entwickler auf den Wunsch der Fans reagiert, die Episoden in kürzeren Abständen zu veröffentlichen.

Spielerisch hält sich Tell Me Why ebenfalls an die Vorbilder des Life is Strange-Franchis oder auch der Telltale Games-Spiele. Wir schauen uns in kleinen Arealen die Umgebung an und lesen herumliegende Briefe, Plakate und so weiter. Ab und zu kommen Rätsel auf, die jedoch kaum eine Herausforderung darstellen. Wer darauf verzichten will, kann die verschlossenen Türen oder Boxen zudem auch einfach auftreten und damit die Rätsel überspringen. Wo Max in Life is Strange die Zeit zurückdrehen konnte, sind Alyson und Tyler in der Lage, gedanklich zu kommunizieren. Noch dazu können sie durch bestimmte Reize wie Gerüche oder Geräusche ihre Erinnerungen verbildlichen. Im Spiel werden diese Erinnerungsfetzen durch schimmernde Figuren dargestellt, die nur vom Geschwisterpaar gesehen werden können. Das Problem dabei: Manchmal erinnern sich Menschen unterschiedlich an dasselbe Ereignis. Das ist bei Tell Me Why nicht anders. So stehen wir oft vor der Entscheidung, ob wir Alysons oder Tylers Gedächtnis glauben.

Tell me why spielen

Apropos Entscheidungen: Auch dabei bleibt das Spiel seinem Genre treu. Immer wieder stehen wir vor Dialogentscheidungen, die den Verlauf der Geschichte ändern sollen. Leider unterscheidet sich das Spiel auch dabei nicht von Life is Strange: Die Entscheidungsvielfalt wird oft nur vorgegaukelt und bei den meisten Unterhaltungsoptionen ändern sich lediglich ein oder zwei Sätze. Der weitere Verlauf der Story wird hingegen kaum beeinflusst. Erst am Schluss der dritten Episode werden die Entscheidungsmöglichkeiten wirklich tragend und ermöglichen verschiedene Enden.

Video-Trailer

Nahbar, glaubwürdig, aber anfangs langweilig

Die erste Episode von Tell Me Why kann man mit dem ersten Akt eines Films vergleichen. Die Charaktere werden vorgestellt, die Welt gezeigt und die Vorgeschichte erzählt. Dabei sollte bei einem Episodenformat aber besser die Struktur wie bei einer Serie genutzt werden. Auch da gibt es innerhalb einer Episode einen Spannungsbogen, der sich erst aufbauen muss. Aber jedes Ende einer Folge sollte einen Höhepunkt haben, um am Ball zu bleiben. Der Höhepunkt der ersten Episode in Tell Me Why kommt jedoch zu spät und das auch noch als einfache Rückblende. Vorher ist das Spiel zu sehr damit beschäftigt, den Spieler an Tylers Charakter und dessen Geschlecht heranzuführen. Damit ist nicht nur die eigentliche Geschichte anfangs zu sehr in den Hintergrund gerückt worden, sondern lässt unsere andere Protagonistin, Alyson, charakterlos erscheinen. Erst in der zweiten und vor allem in der dritten Episode zeigt sie ihren Tiefgang. Gleichzeitig muss aber gesagt werden, dass Tyler diese Zeit, die ihm gegeben wird, gut nutzt.

Da davon auszugehen ist, dass sich manche Spieler nie mit dem Thema rund um Transgender-Personen auseinandergesetzt haben, ist es wichtig, diese Rolle glaubwürdig, aber auch nahbar zu gestalten. Um das zu erreichen, hat Dontnod mit vielen Menschen der LGBTQ-Community, sowie der Organisation GLAAD zusammengearbeitet. Auch der Sprecher von Tyler, August Black, sieht sich selbst als Transmann und hat die Dialoge mitgestaltet. Dontnod hat hier definitiv seine Hausaufgaben gemacht, was man im fertigen Spiel deutlich merkt. Auch die Reaktionen der Dorfbewohner auf Tylers neues Aussehen sind sehr gut geschrieben.

Tell me why kaufen

Der alte Seefahrer Sam sagt beispielsweise beim ersten Treffen, er wusste nicht, dass man eine Frau mittlerweile so sehr wie einen Mann aussehen lassen kann. Im ersten Moment fühlt sich Tyler natürlich nicht ernst genommen, sieht er sich doch als echter Mann. Dabei meinte es Sam gar nicht böse, er hat nur nie gelernt, wie man Transgender-Personen angemessen anspricht. Tell Me Why ist dadurch schlicht kein nettes Spiel für den gemütlichen Abend, sondern hilft den Spielern auch, wie man richtig "gendert" und zeigt einen Einblick in das Leben eines Transmanns.

Trotzdem hat die erste Episode ihre Längen. Teil zwei von Tell Me Why nimmt aber nochmal richtig Fahrt auf und man bekommt eine kontinuierlich spannender werdende Geschichte aufgetischt. Die dritte Episode beginnt zwar wieder etwas schleppend, steigert sich aber sehr schnell bis zum Höhepunkt. Auch wenn der letzte Twist am Schluss etwas vorhersehbar war, ist das Ende ein zufriedenstellender Abschluss. Die vorher erwähnten Rätsel haben dazu noch einen erheblichen geschichtlichen Hintergrund. Als Kinder haben Alyson, Tyler und deren Mutter viele Märchen geschrieben und in einem Buch zusammengefasst. Die Rätsel im Spiel basieren auf diesen Geschichten, wodurch die meisten der Erzählungen gelesen werden müssen. Falls man Interesse hat, kann man aber jederzeit auch einfach so über 80 Seiten des Märchenbuchs durchstöbern.

Transgender Tell me why

Grafisch nicht das Gelbe vom Ei

Grafisch ist Tell Me Why zwar definitiv keine optische Perle wie The Last of Us Part II, aber auch keineswegs hässlich. Bei totalen Aufnahmen, also von weitem betrachtet, ist das Game wunderschön. Nicht zuletzt liegt das an der faszinierenden Natur Alaskas. Wenn am Horizont die schneeweißen Berge zu sehen sind und der Fluss davor bald zugefroren ist, dann bietet Tell Me Why des Öfteren screenshotwürdige Momente.

Bei Detailaufnahmen lässt dieser Zauber aber nach. Die Schattierungen haben selbst bei den höchsten Grafikeinstellungen selten einen fließenden Übergang, Hände sind oft kantig und die Gesichtsanimation wirkt sehr steif und hölzern. Insgesamt war der Sprung von Life is Strange zu Tell Me Why nicht besonders groß. Auch die gelegentlichen Ruckler beim Nachladen von Umgebungen reißen einen immer mal wieder aus der Immersion. Außerdem hat das Spiel im Test einmal nicht automatisch gespeichert, was dazu führte, dass wir eine halbe Episode nochmal zocken mussten. Denn manuelles Speichern ist leider nicht möglich.

Musikalisch ist Tell Me Why ausgezeichnet. Ob in den ruhigen und melancholischen Momenten ein einzelnes Klavier zu hören ist oder der Druck durch schneller und lauter werdende Musik bei schwerwiegenden Entscheidungen steigt, jede Situation ist mit einem passenden Stück unterlegt. Selten sind die Klänge aber im Vordergrund, sie sind reine Unterstützung für das Visuelle. Auch die Synchronsprecher*innen leisten eine gute Arbeit. Sie transportieren jede Menge Emotionen und wirken stets charakterkonform. Nach dem erfolglosen Remember Me von 2013 ist Tell Me Why übrigens das erste Spiel von Dontnod, was auch in anderen Sprachen synchronisiert wird. Aufgrund der Corona-Pandemie werden andere Sprachausgaben (unter anderem Deutsch) allerdings erst zu einem bisher unbekannten Datum nachgereicht. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Spiel nur auf Englisch und wahlweise mit deutschem Untertitel spielbar.

Alle drei Episoden von Tell Me Why sind für PC im Microsoft Store und auf der Xbox One für 29,99 Euro erhältlich und im Xbox Game Pass enthalten. Separat sind die einzelnen Teile momentan nicht kaufbar.

PC Spiele: Tell me why

Fazit

Bevor wir uns an Tell Me Why rangesetzt habe, waren wir unsicher: Macht Dontnod ein Spiel mit einer Transgender-Person nur, weil sie auf sich aufmerksam machen wollen? Weil Diversität momentan in den Köpfen immer mehr Menschen verinnerlicht wird und sie sich dadurch leichten Profit erhoffen? Werden und können sie dieses wichtige Thema überhaupt respektvoll darstellen? Mittlerweile sind wir zum Entschluss gekommen, dass ihnen die Umsetzung gelungen ist. Tylers Charakter wird nicht alleine auf sein Geschlecht reduziert, es ist vielmehr Teil seiner Charakterentwicklung. Das zeigt sich besonders in der ersten Episode. Leider schwächelt dafür die Gesamthandlung, die insgesamt zu kurz kommt. In den letzten beiden Teilen von Tell Me Why wird der Fokus aber verschoben und erzählt eine gut geschriebene, tragische Familiengeschichte. Spielerisch ist der Titel jedoch genauso wenig innovativ wie seine Genre-Kollegen und ist mehr Mittel zum Zweck. Letzten Endes waren wir aber gebannt vor dem Bildschirm gefesselt und habe Tyler und Alyson bei ihrer Suche nach der Wahrheit gerne begleitet.

Tell me why

29.23 €
8.5

Spielbarkeit

9.0/10

Design

7.5/10

Anspruch

8.5/10

Spielspaß

9.0/10

Preis

8.5/10

Pro

  • fesselnde, emotionale Story
  • immer wieder auflockernde Rätsel
  • glaubwürdige Darstellung einer Transgender-Person
  • mit passenden Musikstücken unterlegt
  • bildhafte Erinnerungen, die unterschiedlich ausfallen

Contra

  • Episode 1 zieht sich
  • Grafisch nur "okay"
  • öfters auftretende Ruckler
  • Gameplay sehr seicht
Teile mich...